
Anita Lasker-Wallfisch erzählt in ihrem Buch Ihr sollt die Wahrheit erben über ihre Erfahrung als Jüdin, die Verschleppung ins Konzentrationslager, dort ihre Beschäftigung als Cellistin und schlussendlich die Befreiung durch die britische Armee. Kann man die Wahrheit über die Vergangenheit wie ein Haus oder Geld erben? Dieser Text untersucht, wie der Hass gegen jüdische Menschen entstand und warum das Erinnern an den Holocaust eine Aufgabe ist, der wir uns nicht entziehen können.

In den letzten Wochen haben wir uns im Deutschunterricht intensiv mit dem Schicksal von Anita Lasker-Wallfisch beschäftigt. Wir haben ihr Buch Ihr sollt die Wahrheit erben gelesen und viel darüber diskutiert, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Zunächst möchte ich auf die Entstehung der Judenfeindlichkeit eingehen.
Der Begriff Holocaust stammt aus dem Griechischen und bedeutet "vollständig verbrannt". Was sich hinter diesem Wort verbirgt, ist der systematische Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden und anderen Völkergruppen durch das nationalsozialistische Deutschland. Hier stellt sich die Frage: Wie viel Vergangenheit ein Mensch trägt, der sie nicht selbst erlebt hat? Diese Frage mag zunächst abstrakt klingen, wird aber konkret, sobald man sich mit dem Holocaust beschäftigt. Sie steht oft am Anfang einer Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Auch für mich als Deutsche stellt sich unmittelbar die Frage: Wie ist dieser Hass gegen ein ganzes Volk entstanden? Die Geschichte geht weit zurück bis in die Zeit der Entstehung des Judentums.
Das Judentum ist die erste monotheistische Religion. Seine Anhänger verstanden sich als auserwähltes Volk mit eigenem Volksbewusstsein und einer kollektiven Identität. Das später entstehende Christentum und der Islam teilen zwar die gleichen Wurzeln und blicken auf eine gemeinsame Leidensgeschichte zurück, doch die Unterschiede zwischen Juden und Christen setzten sich in Europa immer wieder in Gewalt um. Hier lag der Kernkonflikt in der Frage, ob Jesus der Messias ist. Da das Judentum dies ablehnt, entwickelte sich im Christentum eine Konkurrenzsituation. Daraus entstand der sogenannte christliche Antijudaismus: Juden wurden als diejenigen dargestellt, die Jesus nicht anerkannt und sogar seinen Tod verschuldet hätten. Juden wurden zum Sündenbock für gesellschaftliche Krisen, es kam zu Ausschreitungen. Man sah sie als Fremdkörper im grösseren Rahmen. Obwohl sie in der Mitte der Gesellschaft lebten, blieben sie isoliert und beide Seiten hatten sich an diese Rolle gewöhnt.
Mit der Entstehung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert wurde eine gemeinsame kulturelle Geschichte für das jeweilige Staatsvolk konstruiert. Die Juden passten nicht in dieses Bild, sie wurden als "Volk ohne Land" betrachtet, das über Jahrhunderte zerstreut war (viele lebten vor allem in Polen, wohin man sie bewusst angesiedelt hatte). Parallel dazu entstand der moderne Rassismus, der die angeborene Fremdenangst wissenschaftlich zu begründen suchte. Man begann, Völker mit angeblich charakteristischen Eigenschaften zu kategorisieren. Vor diesem Hintergrund unterscheidet man:
Antijudaismus (religiös begründet: Ablehnung der jüdischen Religion)
Antisemitismus (rassistisch begründet: Ablehnung der Juden als «Rasse»)
Nach der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 begann sofort die systematische Verfolgung der Juden. Die Jahre 1933 bis 1939 waren geprägt von schleichender Diskriminierung im Alltag: immer neue Verbote, Ausschluss von Berufen, Entwürdigung. Die Menschen wurden entpersonifiziert, man sprach nur noch von "Stücken". Die Juden waren zwar die grösste Feindgruppe, aber nicht die einzige. Andere Feindkategorien umfassten Homosexuelle oder sogenannte Berufsverbrecher, Menschen, die man als "genetisch faul" betrachtete. Auch sie wurden in den Konzentrationslagern gedemütigt, weil sie angeblich die Fortpflanzung des eigenen Volkes behinderten.
In dem Buch Ihr sollt die Wahrheit erben erzählt Anita Lasker-Wallfisch ihre Lebensgeschichte. Als junge Jüdin wurde sie von den Nazis verfolgt und nach Auschwitz deportiert. Ihr Überlebensglück war das Cello: Weil sie das Instrument beherrschte, wurde sie Mitglied im Mädchenorchester des Lagers. Das bewahrte sie vor der Gaskammer. Besonders der Titel des Buches hat mich zum Nachdenken gebracht. Er wirkt wie ein Auftrag an uns Jüngere und führt direkt zu der Frage: Kann man Wahrheit oder sogar Schuld wirklich «erben», wie einen Gegenstand? Damit beschäftige ich mich im nächsten Teil.
Bin ich verantwortlich für das, was meine Vorfahren getan haben? Kann man etwas tragen, das man nie selbst erlebt hat? Kann tatsächlich die Wahrheit vererbt werden? Diese Fragen sind mir während des Lesens des Buches und während der Bearbeitung des Themas immer wieder in den Kopf gekommen.
Was kann ich alles erben? Eigentlich ist es doch klar. Ich erbe Geld, Besitz, und Gegenstände, und ich erbe die Gene meiner Eltern, wie die Augen- oder Haarfarbe. In diesem Sinn ist Erben ein kontrollierter Vorgang: Man nimmt etwas an und das Erbe ist klar definiert. Doch hinter dem Begriff "erben" steckt noch mehr. Denn ich erbe auch Dinge wie meine Familiengeschichte, Traditionen oder meine soziale Herkunft. Hier geht es nicht mehr um materielle Dinge, sondern um etwas, das niemandem gehört wie ein Gegenstand. Wahrheit ist kein Besitz, den jemand exklusiv haben kann. Niemand kann sagen: "Diese Wahrheit gehört mir." Wahrheit beschreibt vielmehr einen Zustand der Wirklichkeit, der unabhängig davon existiert, ob er erkannt oder akzeptiert wird. Er ist immer da. Die Wahrheit muss von den Menschen nur angenommen werden.
So wie wir auch unschöne Dinge wie Schulden erben können, hat unsere Generation die Wahrheit um den Holocaust geerbt. Wir können dieses Erbe nicht ablehnen, aber wir sind verantwortlich für das Wachhalten der Erinnerung. Es ist logisch und moralisch richtig, die individuelle Schuld bei den Tätern zu belassen. Eine Kollektivschuld wäre eher destruktiv und ungerecht. Die Wahrheit zu erben bedeutet, sich der Aufgabe zu stellen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Die Wahrheit ist also kein statischer Besitz, sondern ein Auftrag zum Handeln. Genau das hat Anita mit ihrem Buchtitel Ihr sollt die Wahrheit erben gemeint. Es ist ein Auftrag an die neue Generation.