
Möglicherweise nicht viel, oder? Aber vielleicht mehr als man denkt. Im Deutschunterricht beschäftigten wir uns mit dem Theorieblatt zur modernen Literatur, das zentrale Unterscheidungen zwischen traditioneller und moderner Literatur herausarbeitet. Während wir im Unterricht auch den Roman, "Der Process" von Franz Kafka lasen, sind mir Parallelen zwischen dem modernen Werk und meinem Alltag aufgefallen.

Der Begriff „modern“, ursprünglich aus dem Lateinischen modernus (neu, heutig) stammend und im 18. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt, gewann im 19. Jahrhundert eine entscheidende literarische Dimension. Der Begriff beschreibt eine Literatur, die das neue Leben in der modernen Welt zeigt und neue Wege sucht, sich auszudrücken. Die vor allem jungen Literalen führten einen Kampf gegen die Tradition und lehnten jene Gestaltungsmittel der traditionellen Literatur ab. Für das Verständnis dieser modernen Literatur ist der Begriff der Struktur fundamental. Während die traditionelle Literaturwissenschaft noch zwischen abtrennbaren Elementen von Form und Inhalt unterschied, geht die moderne Literatur von einer untrennbaren Einheit aus.
Moderne und traditionelle Literatur lassen sich anhand von fünf zentralen Strukturelementen unterscheiden: In der Figurengestaltung löst sich die feste, psychologisch kohärente und handelnde Persönlichkeit der Tradition auf. An ihre Stelle treten in der modernen Literatur widersprüchliche, von Trieben, Milieu und äusseren Umständen bestimmte "gestische Figuren", die oft von Identitätsverlust und Entpersönlichung gezeichnet sind. Entsprechend wandelt sich auch die Erzählinstanz. Der verlässliche, allwissende oder persönliche Erzähler mit festem Blickpunkt aus der traditionellen Literatur weicht einem unzuverlässigen, subjektiven oder gar unsichtbaren Erzähler, der keine stabile Orientierung mehr bietet. Die Wirklichkeitsgestaltung vollzieht einen radikalen Schritt weg vom aristotelischen Mimesis-Prinzip, also der nachahmenden Darstellung der Welt. Die Moderne erkennt die Subjektivität jeder Wahrnehmung und die Auflösung eines einheitlichen Weltbildes an. Die Literatur reagiert darauf mit einer bewussten Wirklichkeitsauflösung oder Dissoziation, die Wirklichkeit als Konstruktion von Einzelbildern präsentiert. Diese Hinwendung zu Konstruiertem lenkt den Fokus zwangsläufig auf die Sprache selbst. Sie ist nicht länger nur transparentes Medium zur Abbildung, sondern wird zum eigenständigen Strukturelement. Ihre Gestaltung, meist sachlich und alltagssprachlich, wird selbst bedeutungstragend. Dies hat Konsequenzen für Zeit und Erzählweise. Die lineare, chronologische Erzählfolge wird durch eine diskontinuierliche Folge abgelöst, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Erinnerung und Gegenwartsmoment ineinanderfliessen. Schliesslich verschiebt sich auch die Wirkungsabsicht und damit das Verhältnis zum Leser oder Leserin. An die Stelle der Identifikation mit einem Helden und des einfühlsamen Nacherlebens tritt das Prinzip der Verfremdung. Der Leser und die Leserin soll die Literatur als bewusste Konstruktion erkennen und wird aufgefordert, sie kritisch, reflektierend und aktiv zu betrachten. Somit wird die lesende Person gewissermassen zum Mit-Autor.
In der traditionellen Literatur sieht man, wie die Menschen damals gedacht haben. Sie wurde stark von der Aufklärung und dem wachsenden Bürgertum beeinflusst. Der Mensch galt als vernünftig, stark im Charakter und innerlich stabil. Dieses Ideal wurde durch grosse Ereignisse wie die Französische Revolution, die Industrialisierung und neue bürgerliche Werte noch stärker. Die Bücher dieser Zeit haben feste Figuren, klare Handlungen und zeigen die Welt so, wie man sie objektiv verstehen kann.
Auf den ersten Blick scheinen Franz Kafka und unsere täglichen Textnachrichten wenig gemeinsam zu haben, doch beide sind Antworten auf ein und dieselbe moderne Herausforderung: wie wir mit einer überwältigenden, oft undurchschaubaren Welt umgehen. Sowohl Kafkas Literatur als auch unsere heutige digitale Kommunikation reagieren auf die Erfahrung von Beschleunigung, Überforderung und Kontrollverlust – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Kafka zeigt in Werken wie "Der Process", wie verwirrend, bürokratisch und sinnlos das moderne Leben kann sein. Er verkompliziert literarisch, um die Wirrnis der Welt abzubilden. Seine Texte verkomplizieren bewusst: Undurchschaubare Regeln, anonyme Machtstrukturen und endlose Verfahren spiegeln eine Welt, in der der Einzelne, wie die Hauptperson Herr K. in "Der Process", orientierungslos bleibt. Textnachrichten hingegen vereinfachen radikal: Wir kürzen, nutzen Emojis, Abkürzungen und schnelle, unvollständige Sätze, um trotz Informationsflut, Zeitdruck und sozialer Vernetzung handlungsfähig zu bleiben. Es ist also eine Strategie, um in einer komplizierten Welt möglichst einfach zu schreiben.
Beide Phänomene sind Resultate einer beschleunigten, digitalisierten Moderne, in der wir ständig erreichbar und oft überlastet sind. Kafka beschreibt eine Welt der Regeln, Machtstrukturen und Unsicherheiten, die unüberschaubar erscheinen und die psychische Belastung des Einzelnen verstärken. Heute erleben wir ähnliche Dynamiken in der digitalen Welt: Soziale Netzwerke, Push-Benachrichtigungen, E-Mails und Nachrichten erzeugen eine permanente Überstimulation, die uns zwingt, ständig Entscheidungen über Prioritäten, Kommunikation und Aufmerksamkeit zu treffen. Die Textnachricht ist hier ein strategisches Mittel, um die Komplexität zu reduzieren: Sie erlaubt schnelle, fragmentarische Verständigung, oft begleitet von Symbolen, wie Emojis, die Gefühle oder Kontext effizient transportieren. Während Kafka die Verwirrung der Welt literarisch vergrössert, nutzen wir in der modernen Kommunikation Reduktionen und Vereinfachungen, um handlungsfähig zu bleiben.
So gesehen sind Kafka und die Textnachricht keine Gegensätze, sondern zwei Seiten der modernen Literatur: Die eine künstlerische, die andere pragmatische Antwort auf die Herausforderungen einer Welt, die komplex, unübersichtlich und permanent im Wandel ist. Kafkas Werk "Der Process" und unsere Gesellschaft, mit vielen kurzen Textnachrichten, haben also mehr gemeinsam, als man vielleicht dachte.
https://languagetool.org/de (online Korrekturtool)
Theorieblatt zur modernen Literatur auf OneNote
Franz Kafka: Der Process
Titelbild: https://www.forbes.com/councils/forbescoachescouncil/2020/06/26/embracing-uncertainty-with-values-based-leadership/ (Zugriff am 18.01.26)