
Paula erinnert sich an ihre Kindheit auf der Blumenwiese und erkennt, wie sich der Blick auf die Natur verändert: Erwachsene handeln oft aus Pflicht und Nutzen, während Kinder noch staunen. Döblins Geschichte "Die Ermordung einer Butterblume" zeigt, verschiedene Sichtweisen auf die Natur. Ein Essay über die Frage, ob eine Entfremdung der Natur immer etwas Negatives beschreibt.

Ein kleines Mädchen sitzt in einem kleinen Garten und starrt die Blumen auf der Wiese an. Sie betrachtet ein einzelnes Blümchen und erfreut sich über den eleganten und süssen Geruch. Wie das Parfum, das ihre Mutter jeden Tag im Badezimmer aufsprüht, oder wie die Blumen, die im Wohnzimmer in einer Vase blühen. Der Duft geht in die Nase des kleinen Mädchens, das den Namen Paula trägt und etwa sieben Jahre alt ist. Sie erfreut sich über die unzähligen Blümchen im Garten. Niemals würde die kleine Paula ein Blümchen ausreissen, noch irgendjemandem wehtun. Als Paula älter wird, mehr zu tun hat und gestresst ist, denkt sie immer seltener an die schönen Nachmittage auf der Blumenwiese. Die nun junge Frau hat bald ihre Schule abgeschlossen und erinnert sich gerne daran, als die kleine Paula sich so auf den ersten Schultag in der ersten Klasse gefreut hat – damals war alles leichter. Paula denkt darüber nach, dass sie und die Gesellschaft sich stark verändert haben. Die Natur wird von Politikern*innen nicht mehr als Mitwelt und als Lebensform erachtet, sondern als Dekoration und Objekt, mit der man alles machen könnte, was man möchte. Paula fragt sich, was die kleine Paula von früher davon halten würde. Das Kind, das sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als im Gras zu liegen und den Duft der Blumen einzuatmen, würde diese Entwicklung wohl kaum verstehen. Das Erwachsenwerden scheint mit einer Entfremdung von der Natur einherzugehen. Doch Paula stellt sich die Frage, ob diese Entfremdung zwangsläufig etwas Schlechtes ist oder ob sie viel mehr ein unvermeidlicher Teil der menschlichen Entwicklung darstellt.
In der Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume" erzählt der Autor Döblin die Geschichte eines Mannes namens Herr Fischer, der eine Psychose durchläuft. Als Herr Fischer mit seinem Gehstock eine Butterblume aus dem Boden reisst, wird diese scheinbar belanglose Handlung für ihn zu einem einschneidenden Erlebnis. Plötzlich überkommen ihn Schuldgefühle, als hätte er ein Lebewesen getötet. Er erzählt von "Mord begangen an einer erwachsenen Butterblume (...)" (S. 66). Er spricht von Mord und Schuld. Der ältere Mann Herr Fischer ist eine Figur mit zwei Seiten während seiner Psychose: die kindliche und die erwachsene Seite. Die kindliche Seite zeigt sich in seinem emotionalen Erleben, in seinem Mitgefühl und in der Fähigkeit, selbst einer kleinen Blume einen Wert zuzuschreiben. "Sie (die Butterblume) ist tot" (S. 70). Die erwachsene Seite hingegen versucht, das Geschehen rational zu erklären und zu kontrollieren. "Was ging ihn die Butterblume an?" (S. 67), "Vielleicht lebte sie überhaupt noch; ja, woher wusste er denn, dass sie schon tot war?" (S. 69). Doch gerade dieser Versuch, die Schuld zu verdrängen und zu kompensieren, führt zu weiterer Zerstörung. Herr Fischer nimmt eine Butterblume mit in seine Wohnung, entreisst sie ihrem natürlichen Lebensraum und setzt damit seine Gewalt fort. Döblin zeigt, wie der moderne Mensch daran scheitert, Schönheit einfach bestehen zu lassen, ohne sie besitzen oder beherrschen zu wollen.
Als Paula diese Erzählung liest, fühlt sie sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Sie erkennt, dass Erwachsene die Natur selten noch mit denselben Augen sehen wie Kinder. Wieder blickt die jugendliche Paula auf das derzeitige Weltgeschehen zurück. Rodung von Wäldern, Verschmutzung des Grundwassers, Atomkraftwerke, Fast-Fashion Produktion, Flugzeuge, Autos – es hört nicht auf mit Dingen, die Menschen tun, um ihren Planeten zu zerstören. Die Butterblume, in der Erzählung, ist für manche Menschen nur eine Pflanze, aber wer etwas so Kleines verachtet, kann viel Grösseres zerstören. Bäume, Erde, Ozeane – die Menschen zerstören alles, was ihnen eigentlich lieb ist. So ist die Ermordung der Butterblume in der Erzählung von Döblin ein Symbol für die hässliche, erwachsene Seite des Menschen. Die bereit sind, Schönes zu zerstören, nur weil sie es besitzen oder ergreifen wollen.
Doch Paula erkennt auch, dass das Erwachsensein nicht ausschliesslich negative Seiten hat. Noch einmal denkt Paula an ihre Kindheit zurück und erinnert sich an die Vase auf dem Wohnzimmertisch mit den sanft rosafarbenen Rosen. Sie erfreut sich noch heute an den schönen – wenn auch "ermordeten" Blumen. Als Kind hätte sie sich bestimmt Sorgen gemacht und wäre wütend geworden, weil die Blumen abgerissen wurden. Heute versteht sie, dass der entscheidende Unterschied nicht darin liegt, ob der Mensch die Natur nutzt, sondern darin, wie er es tut. Der Mensch lebt von der Natur und mit der Natur. Kleidung aus Baumwolle, Pullover aus Wolle, Schuhe aus Leder. All diese Dinge sind Produkte der natürlichen Welt. Viele Menschen nutzen sie täglich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Eine gewisse Distanz zur Natur gehört zum Erwachsenwerden dazu und ist nicht per se etwas Negatives. Problematisch wird sie erst dann, wenn aus Distanz Gleichgültigkeit wird und aus Nutzung Ausbeutung.
Paula kommt zu dem Schluss, dass Erwachsensein Verantwortung bedeutet. Verantwortung für das eigene Handeln, für die Umwelt und für kommende Generationen. Die kindliche Fähigkeit, zu staunen und zu fühlen, sollte dabei nicht verloren gehen, sondern durch Wissen und Reflexion ergänzt werden. Doch die kleine Paula wäre auf alle Menschen stolz, die sich wieder mal in eine Blumenwiese legen und den Duft von Blumen einatmen würden.
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Titelbild: https://stock.adobe.com/ch_de/images/little-girl-lying-in-field-of-flowers-daisies/268427167 (Zugriff 11.01.26)
Alfred Döblin: Die Ermordung einer Butterblume